Noch zwei Wochen bis zur Entscheidung - und die jüngste Umfrage lässt nichts Gutes erwarten: Laut Trend Research (im Auftrag von Radio Hamburg und Oldie 95 am 22. und 25. 6. 2010) haben von 312 befragten Briefwählern 56% gegen die Primarschule gestimmt (Hamburger Abendblatt 1. 7. 2010).
Dabei läuft die Kampagne der Reformgegner unvermindert auf Hochtouren. Die Radiowerbung von WWL ist jetzt zwar von der Medienanstalt Hamburg Schleswig-Holstein als rechtswidrig untersagt worden (ndr-online 3. 7. 2010). Doch immer noch darf die FDP auf ihren Plakaten die Primarschule als "starres Schulsystem" bezeichnen (FDP Hamburg). Immer noch nutzt die Initiative "Wir wollen lieber unter uns bleiben" ihre geballte Finanz- und Medienmacht, um Eltern einzureden, Kinder müssten schon mit 11 Jahren auf eine Schullaufbahn festgelegt werden (Wir wollen lernen).
Doch das Rennen ist noch nicht gelaufen. Noch gibt es Unentschlossene, die sich die Entscheidung bis zum 18. 7. offen halten. Sie gilt es zu informieren und zu motivieren. Wer helfen will, eine neue Bildungskatastrophe abzuwehren, wer verhindern will, dass Hamburgs Schulsystem in Beton gegossen und unter Blei begraben wird, der sollte einfach mal mit Bekannten, Verwandten, Freunden und Nachbarn über die Volksabstimmung sprechen. Zumindest sollte hinterher niemand sagen können, er habe von nichts gewusst ...
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04.07.2010
12.05.2010
WWL will nicht lernen
Im Hamburger Abendblatt kann man heute lesen, dass Walter Scheuerl es bedauert, "dass der Senat 200.000 Euro für eine Plakatkampagne gegen die Hamburger Eltern ausgibt" (HA 12. 5. 10).
Das gibt Anlass zu der Befürchtung, der Sprecher der Initiative "Wir wollen lernen" wolle gar nicht lernen. Glaubt er wirklich immer noch, dass er für "die" Hamburger Eltern spricht? Er müsste doch inzwischen bemerkt haben, wieviele Hamburger Elterninitiativen (u. a. unsere) sich für die Schulreform einsetzen.
Aber bedauerlich ist es schon, dass der Senat 200.000 Euro für Plakate ausgeben muss. Das Geld hätte einer sinnvolleren Verwendung zugeführt werden können, wenn es die unsachliche Propaganda von WWL nicht gäbe.
Das gibt Anlass zu der Befürchtung, der Sprecher der Initiative "Wir wollen lernen" wolle gar nicht lernen. Glaubt er wirklich immer noch, dass er für "die" Hamburger Eltern spricht? Er müsste doch inzwischen bemerkt haben, wieviele Hamburger Elterninitiativen (u. a. unsere) sich für die Schulreform einsetzen.
Aber bedauerlich ist es schon, dass der Senat 200.000 Euro für Plakate ausgeben muss. Das Geld hätte einer sinnvolleren Verwendung zugeführt werden können, wenn es die unsachliche Propaganda von WWL nicht gäbe.
05.05.2010
Primarschule gesundheitsgefährdend?
Eine Elterninitiative der besonderen Art hat sich gestern per Hamburg Journal (NDR-Fernsehen) zu Wort gemeldet. Dr. Torsten Hemker, Orthopäde und ärztlicher Geschäftsführer der Facharzt-Klinik Hamburg, hat die Bevölkerung vor der Hamburger Schulreform gewarnt. Diese werde einen massiven Ärztemangel in Hamburg zur Folge haben, weil die Primarschule den Latein- und Griechisch-Unterricht der Ärztekinder nicht gewährleisten könne und die Ärzte deswegen in andere Bundesländer abwandern würden. (Näheres hier.)
Abgesehen davon, dass von Ärztemangel in Hamburg jetzt und in Zukunft nicht die Rede sein kann (was sollen die Leute auf dem platten Land denn sagen), und abgesehen davon, dass es auch Ärzte gibt, die längeres gemeinsames Lernen gut finden (nicht alle verstehen sich als allwissende "Götter in Weiß"), - ich will gar nicht von einem Arzt behandelt werden, dem es wichtiger ist, dass seine Kinder mit 11 Jahren alte Sprachen lernen, als dass für die 30% Bildungsverlierer etwas getan wird.
Abgesehen davon, dass von Ärztemangel in Hamburg jetzt und in Zukunft nicht die Rede sein kann (was sollen die Leute auf dem platten Land denn sagen), und abgesehen davon, dass es auch Ärzte gibt, die längeres gemeinsames Lernen gut finden (nicht alle verstehen sich als allwissende "Götter in Weiß"), - ich will gar nicht von einem Arzt behandelt werden, dem es wichtiger ist, dass seine Kinder mit 11 Jahren alte Sprachen lernen, als dass für die 30% Bildungsverlierer etwas getan wird.
07.03.2010
11:1 für die Primarschule
Nachdem wir bisher 11 Elternratsstellungnahmen für die Schulreform veröffentlicht haben (dazu eine Reihe befürwortender Stellungnahmen von Elternkammer und Initiativen), hat uns nun zum ersten Mal eine Elternratsstellungnahme gegen die Schulreform erreicht - Schulform: Gymnasium, Stadtteil: Volksdorf ... Wenn es bei dieser Gewichtsverteilung bleibt, hat die Primarschule bei der Volksabstimmung im Sommer gute Chancen.
03.03.2010
Schulgesetz geändert
Auf Antrag des Senats und mit Zustimmung aller Bürgerschaftsfraktionen ist heute das Hamburger Schulgesetz geändert worden. Freuen können wir uns über die Senkung der Klassenfrequenz in der Primarschule (höchstens 23 statt 25 Kinder pro Klasse, in Brennpunkten sogar nur 19) und die Streichung des Büchergelds. Problematisch ist das neu eingeführte Elternwahlrecht: Eltern dürfen ihre Kinder auch ohne Empfehlung der Primarschule aufs Gymnasium schicken, das Gymnasium darf sie aber nach einem Probejahr abschulen. Am wichtigsten ist wohl, dass dieser Kompromiss für Einigkeit in den Reihen der Schulreform-Befürworter sorgt, - eine wichtige Voraussetzung für die (wohl) bevorstehende Volksabstimmung.
12.02.2010
Elternwahlrecht: Wenn schon, denn schon!
Offenbar wünschen sich viele Eltern ein Elternwahlrecht nach Klasse 6. Sie wollen ihre Kinder auch dann auf das Gymnasium schicken dürfen, wenn die Lehrer davon abraten. Der Senat hat gestern bekannt gegeben, dass er diesem Wunsch entsprechen und ein Probejahr einführen will. Was ist davon zu halten?
Politisch gesehen ist dieses Zugeständnis klug. Es erhöht die Zustimmung zur Schulreform. Mehr Hamburger werden beim Volksentscheid im Juni für die Primarschule stimmen.
Pädagogisch gesehen ist das Probejahr aber höchst problematisch. Denn damit wird eine wichtige Errungenschaft der Schulreform aufgegeben: der Verzicht auf Abschulung. Weiterhin wird es Schüler und Schülerinnen geben, die die bittere Erfahrung des erzwungenen Schulwechsels machen müssen (dabei ist längst bekannt, welche desaströsen Folgen das für den Lernweg hat). Weiterhin wird es Gymnasiallehrer geben, die sich auf einer Der-gehört-nicht-hierher-Haltung ausruhen (statt sich für die ihm anvertrauten Kinder verantwortlich zu fühlen). Außerdem werden die Stadtteilschulen Plätze für die Rückläufer vorhalten und damit leben müssen, dass die gerade zusammen gewachsenen Klassen durch Neuzugänge aufgemischt werden.
Konsequent wäre ein Elternwahlrecht ohne Probezeit und Abschulung: Wer aufs Gymnasium geschickt wird, der bleibt auch da bis zum ersten Schulabschluss. Das stellt die Gymnasien vor neue Aufgaben. Sie können Schüler und Schülerinnen, die mit dem zwölfjährigen Abitur überfordert sind, nicht mehr abschieben, sondern müssen sie in verantwortungsvoller Weise zu einem Real- oder Hauptschulabschluss führen. Aber diese Herausforderung werden sie ohnehin annehmen müssen.
Politisch gesehen ist dieses Zugeständnis klug. Es erhöht die Zustimmung zur Schulreform. Mehr Hamburger werden beim Volksentscheid im Juni für die Primarschule stimmen.
Pädagogisch gesehen ist das Probejahr aber höchst problematisch. Denn damit wird eine wichtige Errungenschaft der Schulreform aufgegeben: der Verzicht auf Abschulung. Weiterhin wird es Schüler und Schülerinnen geben, die die bittere Erfahrung des erzwungenen Schulwechsels machen müssen (dabei ist längst bekannt, welche desaströsen Folgen das für den Lernweg hat). Weiterhin wird es Gymnasiallehrer geben, die sich auf einer Der-gehört-nicht-hierher-Haltung ausruhen (statt sich für die ihm anvertrauten Kinder verantwortlich zu fühlen). Außerdem werden die Stadtteilschulen Plätze für die Rückläufer vorhalten und damit leben müssen, dass die gerade zusammen gewachsenen Klassen durch Neuzugänge aufgemischt werden.
Konsequent wäre ein Elternwahlrecht ohne Probezeit und Abschulung: Wer aufs Gymnasium geschickt wird, der bleibt auch da bis zum ersten Schulabschluss. Das stellt die Gymnasien vor neue Aufgaben. Sie können Schüler und Schülerinnen, die mit dem zwölfjährigen Abitur überfordert sind, nicht mehr abschieben, sondern müssen sie in verantwortungsvoller Weise zu einem Real- oder Hauptschulabschluss führen. Aber diese Herausforderung werden sie ohnehin annehmen müssen.
10.02.2010
Klare Verhältnisse durch Volksentscheid!
Die Gespräche zwischen Senat und Wir wollen lernen sind heute ausgesetzt worden. Das ist bedauerlich, weil nun bis zum Sommer offen bleibt, ob die Primarschule wirklich kommt. Es ist aber immer noch besser als das, was mit den jüngsten Kompromissvorschlägen auf uns zugekommen wäre: ein jahrelanges Hin- und Hergezerre auf dem Rücken unserer Kinder. Dann lieber Volksentscheid! Wenn alle Befürworter der Schulreform im Juni zur Wahl gehen, wird Scheuerl scheitern - und wir haben klare Verhältnisse.
03.02.2010
Und täglich grüßt der Schulstreit
So lautet die Überschrift des Kommentars der Süddeutschen Zeitung zum aktuellen Stand der Diskussion zwischen dem Senat und der Initiative "Wir wollen lernen".
Ein Kommentar von Ralf Wiegand
Quelle: Süddeutsche Zeitung - Meinungsseite vom 03.02.2010
So lange über die Schulreform diskutiert wird, gibt es keine falschen Entscheidungen. Doch die schwarz-grüne Koalition muss mehr riskieren.
[...]
Die vierte Runde des zähen Ringens um eine Reform endete mit der Aussicht auf eine fünfte. Solange verhandelt wird, können wenigstens keine falschen Entscheidungen getroffen werden, das ist das eine. Basisdemokratisch steht damit alles zum Besten an der Elbe, selten genug sitzen Regierende und Regierte gemeinsam an einem Tisch und diskutieren darüber, was das Beste sein könnte für die Kinder der Stadt. Ob eine andere Regierungskoalition so viel Geduld aufgebracht hätte, um einen teuren Volksentscheid zu verhindern, ist reine Spekulation. Eher: nein.
[...]
Andererseits muss Schwarz-Grün aufpassen, dass der Kern der Reform nicht weich diskutiert wird. Bevor die Überzeugung, dass gemeinsames Lernen besser ist, zum Modellversuch zerredet wird, sollte sich die Regierung lieber mit Verve dem Votum der Bürger stellen. Mit Pauken und Trompeten siegen oder untergehen mit fliegenden Fahnen - Geschichte wäre es so oder so.
Ein Kommentar von Ralf Wiegand
Quelle: Süddeutsche Zeitung - Meinungsseite vom 03.02.2010
So lange über die Schulreform diskutiert wird, gibt es keine falschen Entscheidungen. Doch die schwarz-grüne Koalition muss mehr riskieren.
[...]
Die vierte Runde des zähen Ringens um eine Reform endete mit der Aussicht auf eine fünfte. Solange verhandelt wird, können wenigstens keine falschen Entscheidungen getroffen werden, das ist das eine. Basisdemokratisch steht damit alles zum Besten an der Elbe, selten genug sitzen Regierende und Regierte gemeinsam an einem Tisch und diskutieren darüber, was das Beste sein könnte für die Kinder der Stadt. Ob eine andere Regierungskoalition so viel Geduld aufgebracht hätte, um einen teuren Volksentscheid zu verhindern, ist reine Spekulation. Eher: nein.
[...]
Andererseits muss Schwarz-Grün aufpassen, dass der Kern der Reform nicht weich diskutiert wird. Bevor die Überzeugung, dass gemeinsames Lernen besser ist, zum Modellversuch zerredet wird, sollte sich die Regierung lieber mit Verve dem Votum der Bürger stellen. Mit Pauken und Trompeten siegen oder untergehen mit fliegenden Fahnen - Geschichte wäre es so oder so.
26.01.2010
Lernort, nicht Sortieranlage
Der folgende Kommentar in der Ausgabe der "Süddeutschen Zeitung" trifft den Kern der Diskussion und könnte zur Entspannung beitragen.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 25.01.2010
Ein Kommentar von Tanjev Schultz
Die Schule muss ein Ort der Integration werden, nicht der Ausgrenzung. Eine Verlängerung der Grundschulzeit ist der richtige Anfang - alle Probleme löst sie nicht.
Die Zeit ist reif für einen deutschen Schulfrieden. Nach Jahrzehnten des Kampfes um die richtige Schulstruktur müssen Linke und Konservative aufeinander zugehen. Signale dafür gibt es. In mehreren Ländern ist die Union von der Hauptschule abgerückt, SPD und Grüne bekennen sich vielerorts zum Erhalt des Gymnasiums. In den Parteien kann die Einsicht wachsen, dass es ein großes gemeinsames Ziel gibt: die hohe Zahl der Bildungsverlierer zu reduzieren und zu verhindern, dass die soziale Herkunft weiterhin so massiv über den Schulerfolg entscheidet, wie das in Deutschland bisher der Fall ist. Das bedeutet nicht, dass in Zukunft alle das Abitur schaffen müssen. Es bedeutet aber, Kinder nicht schon im Alter von zehn Jahren auf einen Bildungsweg festzulegen, den sie nur noch schwer wieder verlassen können.
Albtraum des Kinder-Sortier-Systems
Die Schule muss ein Ort der Integration werden, ein Ort des gemeinsamen Lernens, nicht der Ausgrenzung. So sieht es auch der schwarz-grüne Senat in Hamburg: Er will die Grundschule um zwei Jahre verlängern und neben dem Gymnasium nur noch eine Schulform anbieten, an der alle Abschlüsse möglich sind, auch das Abitur. Das Modell verwirklicht nicht den alten Traum von einer "Schule für alle" - aber es beendet den Albtraum eines rigiden Kinder-Sortier-Systems, an dem Länder wie Bayern noch immer festhalten.
Ein nervöses Bürgertum, das um die Privilegien seiner Kinder kämpft, probt nun in Hamburg den Aufstand. Es ist aber nicht mehr so wie in den siebziger Jahren, als es "Gesamtschule, nein danke!" rief. Damals waren die Roten die Bösen. Viele Gesamtschulfreunde neigten damals tatsächlich zu Verstiegenheiten; sie wollten den Klassenkampf ins Klassenzimmer tragen und die Gesellschaft durch die Schule revolutionieren. Die Kinder, um die es gehen sollte, gerieten dabei in den Hintergrund.
Von pädagogischen Allmachtsphantasien sind die meisten Linken jedoch längst geheilt. Und außerdem: In Hamburg regiert ja die CDU, gemeinsam mit einer grünen Partei, deren Klientel zu großen Teilen selbst zu den Arrivierten gehört. Nun müssten nur noch die konservativen Bildungsbürger ideologisch abrüsten und gelassen bleiben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr auf schnellstem Weg ins Gymnasium schleusen können.
Schmuddelkinder aus dem Prekariat
In fast allen europäischen Ländern dauert die Grundschule länger als vier Jahre; EU und OECD sind verwundert über den deutschen Sonderweg des frühen Sortierens. Wenn Hamburg eine sechsjährige Primarschule einführt, ist das also keine lokale Spinnerei. Allerdings wäre es naiv, darin bereits den Durchbruch für ein gerechteres Schulsystem zu sehen. Längeres gemeinsames Lernen kann nur erfolgreich sein, wenn es genügend pädagogisch beseelte und fachlich versierte Lehrer gibt, denen es gelingt, die schwachen Schüler zu stärken, ohne die Starken zu schwächen. Selbst dann wird es aber "Problemschulen" geben. Die soziale Struktur hängt ja nicht zuletzt vom Einzugsgebiet ab. Und Eltern, die sich vor den Schmuddelkindern des Prekariats fürchten, wird niemand daran hindern können, notfalls auf exklusive Privatschulen auszuweichen.
Eine längere Grundschulzeit löst auch noch nicht die Probleme des Übertritts, sie verschiebt sie nur. Der Wechsel nach sechs Jahren ist nicht unbedingt weniger belastend für Kinder und Eltern als nach vier Jahren (zumal die Schüler dann in der Pubertät stecken). Wichtiger als die Dauer der Grundschule ist die Frage, wie es anschließend für die Jugendlichen weitergeht. Wenn sie nicht durch Zuweisung an eine Hauptschule entmutigt und stigmatisiert werden und ihnen auch jenseits des Gymnasiums noch alle Abschlüsse offenstehen, kann der Übertritt seinen Schrecken verlieren. Die Schule neben dem Gymnasium muss aber attraktiv, stark und stabil werden. Sonst wiederholt sich das Drama der Restschule, und das Abitur, das sie anbietet, wird zur Hochschulreife zweiter Klasse.
Die Nöte der Hauptschüler bleiben
Mit dem Ende der Hauptschule ist es also nicht getan; ihre Schüler und deren Nöte bleiben. Es ist auch nicht die Frage, ob Schulen nach Leistungen differenzieren sollen, sondern wann und wie. In einer modernen pädagogischen Kultur erfolgt die Differenzierung so weit wie möglich im Unterricht, nicht durch das Abschieben auf eine andere Schulart. Die pädagogische Herausforderung besteht dann darin, zu verhindern, dass starke Schüler ausgebremst werden oder Leistungsschwächere durch die Konfrontation mit den Stärkeren frustriert werden. Die Schule muss dabei auch das soziale Lernen fördern - sie muss mehr sein als eine Wissensvermittlungsbehörde mit angeschlossener Zeugnisvergabestelle.
Würde bei der Schulstruktur Ruhe einkehren, könnten Politiker und Pädagogen endlich alle Kraft darauf verwenden, die Schulen in echte Lebens- und Lernräume zu verwandeln: In Gemeinschaften, in denen nicht gestresste Unterrichtsfunktionäre die Schüler Wissen aufsagen lassen, sondern in denen gemeinsam gefragt, gezweifelt und geforscht wird. In eine Schule, die kein Angstbetrieb ist, sondern ein Atelier, in dem Kinder sich ausprobieren und in dem sie sich trauen, Fehler zu machen. Eine Schule, in der jedes Kind genügend Zeit und Hilfe bekommt, um aus seinen Fehlern zu lernen.
(SZ vom 25.01.2010/holz)
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 25.01.2010
Lernort, nicht Sortieranlage
Ein Kommentar von Tanjev Schultz
Die Schule muss ein Ort der Integration werden, nicht der Ausgrenzung. Eine Verlängerung der Grundschulzeit ist der richtige Anfang - alle Probleme löst sie nicht.
Die Zeit ist reif für einen deutschen Schulfrieden. Nach Jahrzehnten des Kampfes um die richtige Schulstruktur müssen Linke und Konservative aufeinander zugehen. Signale dafür gibt es. In mehreren Ländern ist die Union von der Hauptschule abgerückt, SPD und Grüne bekennen sich vielerorts zum Erhalt des Gymnasiums. In den Parteien kann die Einsicht wachsen, dass es ein großes gemeinsames Ziel gibt: die hohe Zahl der Bildungsverlierer zu reduzieren und zu verhindern, dass die soziale Herkunft weiterhin so massiv über den Schulerfolg entscheidet, wie das in Deutschland bisher der Fall ist. Das bedeutet nicht, dass in Zukunft alle das Abitur schaffen müssen. Es bedeutet aber, Kinder nicht schon im Alter von zehn Jahren auf einen Bildungsweg festzulegen, den sie nur noch schwer wieder verlassen können.
Albtraum des Kinder-Sortier-Systems
Die Schule muss ein Ort der Integration werden, ein Ort des gemeinsamen Lernens, nicht der Ausgrenzung. So sieht es auch der schwarz-grüne Senat in Hamburg: Er will die Grundschule um zwei Jahre verlängern und neben dem Gymnasium nur noch eine Schulform anbieten, an der alle Abschlüsse möglich sind, auch das Abitur. Das Modell verwirklicht nicht den alten Traum von einer "Schule für alle" - aber es beendet den Albtraum eines rigiden Kinder-Sortier-Systems, an dem Länder wie Bayern noch immer festhalten.
Ein nervöses Bürgertum, das um die Privilegien seiner Kinder kämpft, probt nun in Hamburg den Aufstand. Es ist aber nicht mehr so wie in den siebziger Jahren, als es "Gesamtschule, nein danke!" rief. Damals waren die Roten die Bösen. Viele Gesamtschulfreunde neigten damals tatsächlich zu Verstiegenheiten; sie wollten den Klassenkampf ins Klassenzimmer tragen und die Gesellschaft durch die Schule revolutionieren. Die Kinder, um die es gehen sollte, gerieten dabei in den Hintergrund.
Von pädagogischen Allmachtsphantasien sind die meisten Linken jedoch längst geheilt. Und außerdem: In Hamburg regiert ja die CDU, gemeinsam mit einer grünen Partei, deren Klientel zu großen Teilen selbst zu den Arrivierten gehört. Nun müssten nur noch die konservativen Bildungsbürger ideologisch abrüsten und gelassen bleiben, wenn sie ihre Kinder nicht mehr auf schnellstem Weg ins Gymnasium schleusen können.
Schmuddelkinder aus dem Prekariat
In fast allen europäischen Ländern dauert die Grundschule länger als vier Jahre; EU und OECD sind verwundert über den deutschen Sonderweg des frühen Sortierens. Wenn Hamburg eine sechsjährige Primarschule einführt, ist das also keine lokale Spinnerei. Allerdings wäre es naiv, darin bereits den Durchbruch für ein gerechteres Schulsystem zu sehen. Längeres gemeinsames Lernen kann nur erfolgreich sein, wenn es genügend pädagogisch beseelte und fachlich versierte Lehrer gibt, denen es gelingt, die schwachen Schüler zu stärken, ohne die Starken zu schwächen. Selbst dann wird es aber "Problemschulen" geben. Die soziale Struktur hängt ja nicht zuletzt vom Einzugsgebiet ab. Und Eltern, die sich vor den Schmuddelkindern des Prekariats fürchten, wird niemand daran hindern können, notfalls auf exklusive Privatschulen auszuweichen.
Eine längere Grundschulzeit löst auch noch nicht die Probleme des Übertritts, sie verschiebt sie nur. Der Wechsel nach sechs Jahren ist nicht unbedingt weniger belastend für Kinder und Eltern als nach vier Jahren (zumal die Schüler dann in der Pubertät stecken). Wichtiger als die Dauer der Grundschule ist die Frage, wie es anschließend für die Jugendlichen weitergeht. Wenn sie nicht durch Zuweisung an eine Hauptschule entmutigt und stigmatisiert werden und ihnen auch jenseits des Gymnasiums noch alle Abschlüsse offenstehen, kann der Übertritt seinen Schrecken verlieren. Die Schule neben dem Gymnasium muss aber attraktiv, stark und stabil werden. Sonst wiederholt sich das Drama der Restschule, und das Abitur, das sie anbietet, wird zur Hochschulreife zweiter Klasse.
Die Nöte der Hauptschüler bleiben
Mit dem Ende der Hauptschule ist es also nicht getan; ihre Schüler und deren Nöte bleiben. Es ist auch nicht die Frage, ob Schulen nach Leistungen differenzieren sollen, sondern wann und wie. In einer modernen pädagogischen Kultur erfolgt die Differenzierung so weit wie möglich im Unterricht, nicht durch das Abschieben auf eine andere Schulart. Die pädagogische Herausforderung besteht dann darin, zu verhindern, dass starke Schüler ausgebremst werden oder Leistungsschwächere durch die Konfrontation mit den Stärkeren frustriert werden. Die Schule muss dabei auch das soziale Lernen fördern - sie muss mehr sein als eine Wissensvermittlungsbehörde mit angeschlossener Zeugnisvergabestelle.
Würde bei der Schulstruktur Ruhe einkehren, könnten Politiker und Pädagogen endlich alle Kraft darauf verwenden, die Schulen in echte Lebens- und Lernräume zu verwandeln: In Gemeinschaften, in denen nicht gestresste Unterrichtsfunktionäre die Schüler Wissen aufsagen lassen, sondern in denen gemeinsam gefragt, gezweifelt und geforscht wird. In eine Schule, die kein Angstbetrieb ist, sondern ein Atelier, in dem Kinder sich ausprobieren und in dem sie sich trauen, Fehler zu machen. Eine Schule, in der jedes Kind genügend Zeit und Hilfe bekommt, um aus seinen Fehlern zu lernen.
(SZ vom 25.01.2010/holz)
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